Artwashing an Hamburgs Bauzäunen


Quelle: Dirk Aye / Inside Ottensen

Quelle: Dirk Aye / Inside Ottensen

Wenn die Mächtigen versuchen, ihr schlechtes Image aufzupolieren, dann reden ihre Gegner schnell von „washing“. Mann kann es zum Beispiel „Greenwashing“ nennen, einem energiefressenden Porsche einen Elektroantrieb einzubauen oder die Olympischen Spiele als umweltfreundlich zu bewerben.

In der Streetart heißt das Ganze „Artwashing“, also der Versuch, sein schlechtes Image mit Streetart aufzubessern, zum Beispiel an einem Bauzaun in Hamburg. Seit Wochen streiten sich hier Streetart-Künstler und Anwohner darum, was auf dem Bauzaun in der Friedensallee zu sehen sein soll.

„Reaktionen aus dem Stadtteil gab es schnell. Neben einigen kritischen gab es aber überwiegend positive Stimmen zu unserer Malerei, allerdings gar nicht zur Baustelle und ihrem Hintergrund“, erzählt Tasek, einer der beteiligten Künstler. „Wir wussten, dass es eine Brisanz gibt an dem Ort, aber als Künstler im öffentlichen Raum suchst du natürlich auch das Spannungsfeld und gehst auf deine eigene Art darauf ein.“

Ein kleiner Shitstorm

Ihre Motive wählten sie selbst, Geld bekamen sie keins. Trotzdem wurde aus der anfänglichen Kritik schnell ein kleiner Shitstorm. Manche fühlten sich von den Bildern auf dem Bauzaun provoziert. Auf Facebook war die Rede von „Artwashing“ und „Pseudo-Kunst-Credibility-Haltung“. Die Bilder am Zaun wurden nachts mit brauner Farbe übermalt.

Die Emotionen kochen schnell hoch, wenn es um die Zeise-Baustelle geht. In den nächsten Monaten wird es einen Bürgerentscheid gegen die Baupläne geben. Ursprünglich sollten hier nämlich Miet- und Sozialwohnungen gebaut werden. Stattdessen plante der Investor kurzfristig ein neues Bürogebäude, was ihm die Stadt auch genehmigte. Besonders pikant: Hauptmieter der 800 neuen Büroplätze wird die Werbeagentur Scholz & Friends – und das in einem Stadtteil, der ohnehin mit Wohnungsmangel und Gentrifizierung zu kämpfen hat. Die Streetart am Bauzaun brachte das Fass dann zum Überlaufen.

Frühere Artwashing-Debatten

Die Vorwürfe sind nicht ganz neu. Vor ein paar Monaten wurde im Stadtteil Sankt Pauli schon einmal ein Bauzaun bunt bemalt, organisiert von der Streetart-Website Urbanshit. Der Bauzaun gehörte zu der Baustelle, wo gegen heftige Proteste die baufälligen Esso-Häuser abgerissen worden waren. Nun hagelte es Kritik, hier diene Streetart als Tarnbemalung für eine umstrittene Großbaustelle, gewissermaßen als „Investoren-Graffiti“.

Im Sommer wollte Tasek an dem Zaun eigentlich auch noch einen Workshop mit Kindern durchführen. Nun aber haben sie ihr Projekt erst einmal auf Eis gelegt. „Zur Zeit geht das nicht, wenn wir da persönlich angegriffen werden und unsere Arbeit zerstört wird. Wir haben zwar Verständnis für die Proteste, aber inhaltlich können wir uns nicht einschränken lassen, weder von Politik, Wirtschaft noch Initiativen.“ Ihre Kritiker überzeugt das nicht: „Das ist für Kunst der falsche Ort“, sagt Hauke Sann von der Bürgerinitiative Pro Wohnen Ottensen, „wer im Sinne des Investors arbeitet und die Protestgraffitis übermalt, macht sich zum Teil des Projekts.“

So ein „Artwashing“ an Bauzäunen kann aber auch funktionieren: Am Bauzaun der Europäischen Zentralbank in Frankfurt etwa durften sich Graffiti-Künstler über Monate austoben, die Bank bezahlte sogar die Sprühdosen. Die Sprüher sparten nicht mit Kritik am Finanzsystem, monatelang erschienen in vielen Zeitungen Bilder von der Graffitiwand mit der Bank im Hintergrund. Für einige Monate war der Bauzaun ein gemaltes Stück  Interessenausgleich.

Wir danken dem Autor für die Überlassung des Texts. Der Text erschien in abgewandelter Form bei >> jetzt.de