Foto-Fake mit Graffiti-S-Bahn 1


Screenshot: morgenpost.de

Es ist nur ein Foto. Und nicht mal ein besonders gutes. Trotzdem ziert es regelmäßig Zeitungs- und Online-Artikel zum Thema Graffiti auf Zügen.

Das Problem: Auf dem Foto ist gar kein Graffiti zu sehen. Zumindest kein echtes. Und deshalb verstoßen viele Journalisten mit diesem Foto gegen ihre eigenen Berufsregeln. Aber der Reihe nach.

Das Foto der vollgesprühten S-Bahn stammt von Februar 2006. Damals veranstaltete die Berliner S-Bahn GmbH einen “Aktionstag”, um mehr “Aufmerksamkeit für Vandalismusschäden” zu erreichen (LINK). Ein Fotograf der Deutschen Presseagentur war vor Ort und stellte das Bild anschließend ins Foto-Archiv seiner Agentur, aus dem sich Zeitungen bedienen können. Seitdem taucht das Bild immer wieder auf den verschiedensten Websites und in Zeitungen auf (z.B. hier, hier oder hier

Screenshot: Google

Screenshot: Google-Suchergebnisse

Die Botschaft ist immer die gleiche: Graffiti ist Vandalismus. Graffiti kostet viel Geld. Und es sieht außerdem auch noch häßlich aus. Das Problem ist nur: Auf dem Bild ist kein Graffiti zu sehen, denn der Zug war vor dem Aktionstag kaum besprüht gewesen. Die S-Bahn hat nachgeholfen und den Zug von ihren Azubis zu Demonstrationszwecken ansprühen, zerkratzen und ordentlich zerlegen lassen. Das haben diese gegenüber dem Graffitiarchiv bestätigt. Wenn überhaupt, handelt es sich also um Vandalismus der Presseabteilung bei der Berliner S-Bahn.

Was ist schiefgelaufen, dass Zeitungen immer wieder auf diese PR-Aktion reinfallen?

Fehler #1: Die S-Bahn hat bei ihrem Aktionstag sämtliche Vandalismus-Klischees bedient und zerkratzte Scheiben, aufgeschnittene Sitze und eben Graffiti zusammen präsentiert, als gäbe es hier einen Zusammenhang.

Fehler #2: Der Fotograf Steffen Kugler hat diese “Inszenierung” natürlich durchschaut. Aber er hat “vergessen”, es in den Bild-Informationen zu erwähnen (und damit gegen seine Sorgfaltspflicht verstoßen).

Fehler #3: Die meisten Journalisten übernehmen unhinterfragt das Material der Presseagentur dpa und legen meistens selbst noch eins drauf. Aus dem ursprünglichen Symbolfoto auf einem S-Bahn-PR-Aktionstag wird dann “eine von Sprayern vollgesprühte S-Bahn”.

Die Regeln sind in so einem Fall eindeutig: Im Pressekodex heißt es in Richtlinie 2.2 zu Symbolfotos:

Kann eine Illustration, insbesondere eine Fotografie, beim flüchtigen Lesen als dokumentarische Abbildung aufgefasst werden, obwohl es sich um ein Symbolfoto handelt, so ist eine entsprechende Klarstellung geboten.

Deshalb haben wir heute mal Beschwerde beim Deutschen Presserat eingelegt (gegen die Deutsche Presseagentur wegen Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht). Mal sehen, was daraus wird. Wir halten Euch jedenfalls auf dem Laufenden.


Ein Gedanke zu “Foto-Fake mit Graffiti-S-Bahn

  • Thomas Wilden

    “Echt” ist wohl eher falsche Wortwahl.

    In Koblenz haben wir auch mobile Jugendarbeit mit Graffiti-Sprayer Events und europa-weiten Gästen.

    Dort haben wir allerdings “legale” Flächen, die von der Stadt freigegeben wurden. Die Graffitis sind allerdings alle “echt”,
    sogar signiert.

    Ansonsten, wenn ihr als Architekten 10 Jahre Garantie auf graue Farbe an Brückenpfeilern garantieren müßtet, bzw Rißfreiheit im Beton …

Kommentare geschlossen.