Die Kratzer in der Fassade


Pixação und das visuelle Recht auf Stadt in São Paulo

Während die Stadtpolitik in São Paulo darauf abzielt, die Stadt möglichst modern und sauber zu präsentieren, bemalen Grafiteiros und Pixadores – Sprayer einer speziellen Form des brasilianischen Graffitis – die Wände und nehmen sich damit das Recht, ihre Stadt zu erleben, mitzugestalten und „anderen São Paulos“ Sichtbarkeit zu verleihen.


*** Dieser Text von Paul Schweizer (Graffitiarchiv) und Fabio “Fotorua” Vieira ist im Magazin Matices – Ausgabe 86 erschienen. Hier als pdf ***

 

São Paulo ist eine geteilte Stadt. Die gläsernen Hochhausfassaden des Zentrums, die genauso gut in London, New York oder Frankfurt stehen könnten, sind nur eine Seite der Medaille. Die Soziologin Teresa Caldeira spricht von São Paulo als „Stadt der Wände“, um zu beschreiben, wie sich verschiedene Bevölkerungsgruppen in ihre jeweiligen Enklaven zurückziehen. Topmanager lassen sich in gepanzerten Limousinen oder Hubschraubern zum nächsten Meeting fliegen. Die (großteils weiße) Mittel- und Oberschicht lebt in geschlossenen Wohnkomplexen hinter mit Elektrozaun und Überwachungskameras bestückten Mauern. In den Businessdistrikten um die Avenidas Paulista, Faria Lima und Berrini glänzen die Glasfassaden.

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Doch der Alltag eines Großteils der über 20 Millionen Einwohner der Metropolregion sieht ganz anders aus. Die peripheren Stadtteile erstrecken sich bis weit ins Hinterland. Millionen von Menschen nehmen täglich stundenlange Reisen auf sich, um im Zentrum zu arbeiten. Für sie bedeutet São Paulo harte Arbeit, strenge Regeln und kaum Freiheit, ihr eigenes Lebensumfeld kreativ mitzugestalten. Von einer aktiven Teilhabe an der „Erschaffung der Stadt“, wie sie der französische Philosoph Henri Lefebvre mit seinem „Recht auf Stadt“ einfordert, kann nicht die Rede sein.

Das Recht auf Stadt bedeutete für Lefebvre mehr als ein bloßes Zugangsrecht. Vielmehr konzipierte er „das Urbane“ als Ort des – mitunter konflikthaften – Aufeinandertreffens von Unterschieden. Die Stadt, auf die ein Recht eingefordert wird, ist somit das oeuvre – ein kollektives Kunstwerk –, das im Zusammenspiel der unterschiedlichen Elemente der Gesellschaft kontinuierlich neu geschaffen wird.

Die Businessmetropole

Für das verbissen gepflegte Image São Paulos als moderne Wirtschaftsmetropole dagegen scheint schon die bloße Anwesenheit bestimmter Bevölkerungsgruppen und Aktivitäten inakzeptabel zu sein. Stadtpolitische Maßnahmen mit Namen wie Operação Limpa, Operação Integrada Centro Legal oder Operação Sufoco sollten in den 2000ern Wohnungslose, Müllsammler und Straßenhändler von den Straßen des Zentrums vertreiben. Und auch die Wände der Stadt wurden einer radikalen „Reinigung“ unterzogen. 2006 erregte das „Saubere Stadt“ – Gesetz, das vorsah, den öffentlichen Raum der Metropole von „visueller Verschmutzung“ zu befreien, internationales Aufsehen. Dieses Gesetz verbietet das Anbringen von Werbung, Bildern und Schriftzügen auf den Wänden São Paulos. Nur innerhalb klarer Vorschriften ist kommerzielle Reklame erlaubt.

So wurde tatsächlich ein großer Teil der Werbung aus dem öffentlichen Raum entfernt. Was blieb, war eine graue Betonwüste. Doch „sauber“ war die Stadt noch lange nicht. Vielmehr öffnete das „Saubere Stadt“ – Gesetz noch mehr Raum für jene visuellen Interventionen, die sich ohnehin nicht um Autorisierung scheren.

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Grafite – Pichação – Pixação

Unautorisierte Bemalungen von Wänden im öffentlichen Raum brasilianischer Städte werden seit den 1970er Jahren meist in zwei Kategorien eingeteilt – Pichação und Graffiti. Als Graffiti – im Brasilianischen oft Grafite geschrieben werden seitdem Wandbemalungen mit bunten, meist bildlichen Motiven bezeichnet. Im Gegensatz zum nordamerikanischen und europäischen Verständnis des Begriffs meint Grafite in Brasilien eine weitgehend anerkannte Kunstform. Frühe Grafiteiros , die in den 1970er und 1980er Jahren unautorisiert auf den Wänden São Paulos gemalt hatten, knüpften schon bald Kontakte zum Kunstmarkt und sind heute oft hoch dotierte, angesehene Künstler. So entbehrt Grafite in Brasilien weitgehend den Beigeschmack des Verbotenen, des Rebellischen und Skandalösen, den Graffiti in Europa auszeichnet und zugleich attraktiv und verhasst macht – ganz im Gegensatz zu Pixação.

Der Begriff Pichacão ist von piche (Pech) abgeleitet und bezeichnete somit ursprünglich eine Technik, Schriftzüge mit schwarzer Ölfarbe auf Wände aufzutragen. Seine heutige Verwendung entspricht ungefähr den deutschen Ausdrücken „Kritzelei“ oder „Schmiererei“. In den 1960er und 1970er Jahren bezeichnete Pichação die verschiedenen Formen des zu dieser Zeit in brasilianischen Städten verbreiteten politischen oder humoristischen Parolengraffitis.

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In den 1980er Jahren entwickelten Jugendliche in São Paulo jene Praktik, die heute als Pixação – mit „x“ – bezeichnet wird. Ähnlich wie im Graffiti im New York der 1970er Jahre hinterlassen Pixadores Schriftzüge, die meist keine politischen Inhalte vermitteln, sondern als Namen für Individuen oder Gruppen stehen. Trotz beschränkter Mittel und oft widriger Umstände eroberten die Pixadores in den 1990er Jahren mit ihren meist einfarbigen, verschlungenen Signaturen die Metropole.

Heute existiert Pixação – in der Szene oft mit Pixo abgekürzt – in allen brasilianischen Großstädten, wobei sich die in den verschiedenen Städten verwendeten Typographien stark unterscheiden. In Rio de Janeiro sind die Zeichen verhältnismäßig klein und verschnörkelt und passen so auch auf Steine der gemauerten Wände der Altstadt. In Salvador da Bahia dagegen wird möglichst viel Platz eingenommen, sodass ein Pixo eine meterlange Wand für sich einnehmen kann.

Pixo in São Paulo – Kampf um das Recht auf Stadt?

São Paulo ist vor allem für Pixação auf Hochhausfassaden bekannt. Mit Streichfarbe vom Dach herab oder durch ungesichertes Erklettern der Fassaden bringen Pixadores ihre Zeichen in atemberaubenden Höhen an. In einer Stadt, die schon städtebaulich und architektonisch auf Überwachung und Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen ausgerichtet ist, schaffen es Pixadores immer wieder zu beweisen, dass sie sich nicht ausschließen lassen. Selbst auf den am besten bewachten Gebäuden in den repräsentativen Vierteln im Stadtzentrum toben sich Pixadores aus, wie um zu beweisen, dass Sicherheitsarchitektur und Polizeipräsenz sie nicht davon abhalten werden, sich frei in ihrer Stadt zu bewegen. „Sie stellen einen Elektrozaun auf, eine Überwachungskamera, eine Alarmanlage… wir werden immer nach einem Weg suchen, diese zu überwinden!“, erklärt der Pixador Daniel.


Geschätzte fünf- bis zehntausend Personen praktizieren heute in São Paulo Pixação. Anders als oft vermutet sind nicht alle Pixadores arm, schwarz, jugendlich und männlich. Auch bürgerliche „Kids”, „alte Hasen“ mitten in ihren Vierzigern und Pixadoras hinterlassen ihre Markenzeichen auf den Wänden der Stadt. „Pixação ist ein Mittel, in dem sich alle vereinen. Reich, arm, ob du in der Peripherie wohnst oder im Zentrum. Das mag ich daran. Im Pixação gibt es keinen Ausschluss und keinen Rassismus. Pixo ist für alle!“, erklärt der Pixador William. Jeden Donnerstagabend fahren einige hundert Pixadores zu einem Treffpunkt im Zentrum. Dort werden Kontakte geknüpft, Skizzen ausgetauscht, Pläne geschmiedet, um schließlich in kleinen Gruppen in die nächtliche Großstadt aufzubrechen. So verfügen sie über ein Netzwerk aus Bekanntschaften, das die ganze Metropolregion bis in die abgelegensten Peripherien umspannt.

Anstatt sich in ihrer jeweiligen Enklave zurückzuziehen, treffen sie sich im Zentrum oder besuchen sich in ihren Quebradas, wie die armen Peripherien genannt werden. „Die Stadt wird immer weiter segregiert, es wird versucht, uns von einander zu trennen, aber wir überwinden diese Wände, überwinden die Segregation“, versichert Daniel. „Das Netzwerk, das wir durch Pixação bilden bringt alle Teile der Stadt zusammen.“ Gemeinsam erkunden Pixadores die Stadt und hinterlassen ihre Zeichen, nehmen sich das Recht auf die „Stadt der Wände“, sie zu erleben und sie ein Stück weit mitzugestalten.

Tatsächlich ist Pixação in São Paulo fast allgegenwärtig. So gepflegt ein Straßenzug auch sein mag, findet sich bei genauem Hinsehen doch meist ein Pixo, auf einem Dach, an einer Seitenwand, oder einem Stromverteilerkasten. Die brasilianische Philosophin Márcia Tiburi diskutiert dies als Kampf um das visuelle Recht auf die Stadt. Sie betont, Pixação sei vor allem insofern revolutionär, als es die glänzende Fassade des Business-São Paulos stets eines Besseren belehre, die Existenz „anderer São Paulos“ aufzeige und deren Recht auf Sichtbarkeit im öffentlichen Raum einfordere.

Die graue Stadt

Doch die Stadtpolitik, in den letzten Jahrzehnten auf die Aufrechterhaltung der glänzenden Fassade ausgerichtet, konnte kaum Begeisterung für Pixação als Ausdruck der Teilhabe benachteiligter Gruppen an der Gestaltung der Stadt aufbringen. Schon Ende der 1980er Jahre kündigte der damalige Bürgermeister Jânio Quadros an, Pixadores hinter Gitter zu bringen. Seitdem geht die Polizei kontinuierlich hart gegen Pixação vor. Besonders seit der Erlassung des „Saubere Stadt“-Gesetzes bemüht sich die Stadtverwaltung, alle Wände so schnell wie möglich grau zu streichen, sobald ein Pixo auf ihnen angebracht wurde.

Tatsächlich verfügt jeder der Stadtteile über einen Anti-Pixação-Truck. Diese sind mit einem Farbtank und Düsen an beiden Seiten ausgestattet, um Wände im langsamen Vorbeifahren komplett grau anzusprühen. Täglich sind die Trucks unterwegs, um São Paulo „sauber“ zu halten. Gelegentlich übersprühten sie dabei sogar Wandbilder, die die Stadtverwaltung selbst beauftragt hatte, etwa 2013 ein Werk der Brüder „Os Gêmeos“. So erlangte die „Stadt der Wände“ auch den (wohlverdienten) Beinamen Cidade Cinza – „Graue Stadt“, wie ein 2013 erschienener Dokumentarfilm über Grafite in São Paulo titelt.

Die bunte Stadt und das Recht auf die Stadt

Erst in den letzten Jahren wurde versucht, der grauen Stadt doch eine buntere Fassade zuzugestehen. Seit Fernando Haddad von der Arbeiterpartei PT 2013 das Bürgermeisteramt übernahm, bemüht er sich, das strenge, graue Image São Paulos loszuwerden. Er gibt sich gerne als jung und kreativ. Seine Verwaltung förderte mehrere große Wandbemalungsprojekte – etwa an der Avenida 23 de Maio oder im Zuge des Stadionneubaus für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Sogar der Spitzname „Graffiti-Bürgermeister“ wurde Haddad zugesprochen. Damit erntete Haddad nicht nur Lob. Konservative Kommentatoren warfen ihm die Finanzierung von Vandalismus und die Verunstaltung des kulturellen Erbes vor. Andere Stimmen kritisieren, dass diese Projekte nur einige wenige, bereits anerkannte Künstler einbeziehen, während der große Rest offiziell ausgeschlossen wird.

Pixadores bemalen aber weiterhin Wände, ohne amtliche Erlaubnis. An der Repression gegen sie hat sich nichts geändert. So wurden im Juli 2014 zwei Pixadores nach ihrer Festnahme von Polizeibeamten erschossen. Auch die Putz-Trucks versprühen weiterhin tausende Liter Farbe, um Pixação zu entfernen. Über Haddads medienwirksame Bemalungsaktionen können sie, die Pixadores, nur lachen. Ungefragt und ohne Erlaubnis werden sie auch weiterhin ihre Markenzeichen auf São Paulo hinterlassen. „Warum sollten wir aber etwas verhandeln, was schon uns gehört? Wir brauchen keine Einladung des Bürgermeisters, verstehst du. Wir haben diese Autonomie!“, kommentiert Daniel grinsend.

*Dieser Artikel war im Original gegendert, mehr dazu im Impressum. Alle Namen wurden vom Autor geändert. Paul Schweizer forscht in Europa und Lateinamerika zu Graffiti und Pixação. Er ist freier Mitarbeiter des Graffitiarchivs im Archiv der Jugendkulturen e.V. und von kollektiv orangotango.

*Alle Fotos stammen von ueberdose.de (hier gibt es mehr)