Ein Buch wie eine brennende Ghettotonne 1


Unsere Rezension zu Ed Piskors “Hip Hop Family Tree 1”

„Eins für den Regler, Zwei für den Bass, komm hoch, Easy E, haben wir Spaß!“

Es war der Urknall. Und man fragt sich, wie Hip-Hop die ersten Jahre danach überlebt hat, als es noch nicht um die „Message“ ging, sondern nur darum, wer das größte Soundsystem mitbringt, die härtesten Türsteher, die meisten Scheine vom Plattenvertrag und den ersten Fernsehauftritt. Ed Piskor erzählt auf mehr als 100 vollgepackten Seiten die Geschichte dieser gnadenlosen Ursuppe, aus der nur die härtesten Macker herauskamen, und ihre Backround-Mädels.

Das hier ist der real shit. Es geht um die Zeit lange vor KRS One oder Run DMC. Es geht um das New York Ende der Siebziger Jahre, mit Blockpartys im Park, Stromausfällen und Plünderungen in der South Bronx. Es geht um Namen wie Kurtis Blow, Spoonie G oder Grandmaster Caz. Harte Hip-Hop-Nerd-Ware also und doch umso spannender, wenn man sich drauf einlässt.

 

Gleich auf der ersten Seite zum Beispiel lernt man, wie Kool Herc auf seinen Partys irgendwann begann, die beliebten Breaks zwischen zwei Funk-Songs ins Endlose zu verlängern. Er sprang dazu einfach zwischen zwei Exemplaren derselben Platte hin- und her. Es war die Erfindung des Breakbeats und das Publikum fuhr voll darauf ab.

 

Irgendwann kamen die Beats gleich ohne Gesang auf Platte, die Djs wanderten auf der Bühne nach vorn, es kamen die peinlichen Kostüme und Hip-Hop war geboren. Der Zeichner Ed Piskor hatte mit dem ersten Band seines Hip-Hop-Comics in den USA soviel Erfolg, dass man sich über eine Fortsetzung keine Sorgen machen muss. Er will die ganze Hip-Hop-Geschichte in Comicform erzählen und wenn er in dem Tempo weitermacht, stehen uns noch einige Dutzend weitere Bände ins Haus.

 

Zwei Seiten schafft er pro Woche. Das glaubt man sofort, wenn man die detailreich und liebevoll kolorierten Seiten sieht. Hier gibt es keine Computertricks. Man fühlt sich wie in einem MAD-Comic aus den Neunziger Jahren, sogar das Papier ist schon vergilbt, wenn man das Buch auspackt. Und Band 1 schließt einige wichtige Wissenslücken bei allen, deren Hip-Hop-Wissen erst kurz vor Beatstreet anfängt, so wie bei mir.

 

Man lernt, warum Africa Bambataa seine eigenen Platten mit anderen Namen überklebt hat, was die Sugarhill Gang sich von ihrem ersten Vorschuss gekauft hat und wer Grandmaster Flash in Blondies erstem Hip-Hop-Video vertreten musste. Wer sich außerdem die Zeit nimmt, zum Buch auch  die passende Youtube-Playlist anzuschalten, für den ist die Zeitreise zurück an die brennende Ghettotonne an kalten Wintertagen garantiert.

 

Für alle, die lieber mehr über die etwas bekannteren Hip-Hop-Bands von damals erfahren wollen oder über die Entstehung von Graffiti, für die sei vielleicht der zweite Band empfohlen, der gerade in den USA erschienen ist. Hier schon mal die Vorschau, wie KRS zu seinem Namen gekommen ist. Die deutsche Fassung gibt es aber erst im nächsten Frühling.

 
Ergänzung: Eben gesehen, dass in der deutschen Ausgabe die ersten beiden Seiten der Originalausgabe fehlen. Ausgerechnet die mit dem “Hip-Hop-Stammbaum”, den der Titel ja verspricht. Schade. Vielleicht im zweiten Teil dann…

Ed Piskor: Hip Hop Family Tree. Die frühen Jahre des Hip Hop. Aus dem Amerikanischen von Stefan Pannor. Din A4. Gebunden. 120 Seiten, 4-farbig. ISBN: 978-3-8493-0090-6. Preis: 22,99 €

Für diese Kritik haben wir freundlicherweise einen Rezensionsband vom Verlag erhalten.


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