Girlgangs


Gesetze oder Guerilla-Girl-Gangs? Was ist der bessere Weg gegen sexistische Werbung im öffentlichen Raum vorzugehen?

Quelle: Girl-Gangs

Quelle: Girl-Gangs

In London wurden in dieser Woche reihenweise Werbetafeln übermalt, die fragten, ob der eigene Körper denn schon „strandfertig“ sei. Dazu das übliche verschwitzte Bikinimodel. Viele Frauen und ein paar Männer wollten sich so eine dummdreiste Werbung nicht bieten lassen und malten ihre eigenen Kommentare dazu. Auch in der Politik sind solche Formen sexistischer Werbung inzwischen ein Thema.

Der erste Berliner Bezirk hat dafür jetzt eine Regelung gefunden: Am Mittwoch haben sich alle Fraktionen im Bezirksparlament von Friedrichshain-Kreuzberg, außer der CDU, auf ein Verbot sexistischer Werbung geeinigt.

Wie man ohne Verbote, ganz praktisch ein anderes Frauenbild erschafft, zeigen die Erfinder eines Streetart-Projekt aus Mannheim, die „Girl Gangs against Street Harassment“, also „Girl-Gangs gegen alltägliche Belästigung“. Sie drucken kampfbereite Frauen auf lebensgroße Fotos, die sie in Mannheims Straßen verkleben. Dass das eine Ordnungswidrigkeit ist, nehmen sie dabei in Kauf.

„Wir wollten zeigen, dass man in der Werbung nur eine surreal superschlanke Minderheit sieht“, sagt Sarah Held (33), eine der Verantwortlichen für die Girl-Gangs. Sie steht vor dem Eingang des selbstverwalteten Zentrums „Juz Friedrich Dürr“ in Mannheim. An der Wand dahinter sieht man ein Schwarzweißfoto von ihr, mit Nietengürtel und Nagelkeule über der Schulter. Die Frauen der Girl-Gangs verkörpern kein plattes Schönheitsideal: Sie sehen selbstsicher aus, stehen breitbeinig da und jede hat eine andere Waffe in der Hand. „Klar fühlen sich einige davon provoziert“, sagt Sarah. Im Internet fand einer, das sähe aus wie eine „feministische Bürgerwehr.“ Sie selbst sieht die Botschaft lieber positiv, die Girlgangs sollen Frauen und Mädchen Mut machen, „ihr seid nicht allein.“

Ins Leben gerufen hat das Projekt im vergangenen Sommer der Designstudent Tobi Fünke (31), Sarah Held ist seit Herbst dabei und mit ihrer Idee haben sie von Graz bis Göteborg schon viele Nachahmer gefunden. Auf der Projektseite (https://girlgangsover.wordpress.com/) kann man die Girl-Gangs nämlich als fertige Druckvorlagen herunterladen. So soll eine Alternative zum gängigen Frauenbild in der Werbung geschaffen werden und gleichzeitig wollen sie auf sexuelle Belästigung im Alltag aufmerksam machen.

Deshalb war ihnen auch wichtig, an welchen Stellen die Girl-Gangs geklebt wurden. Zum Beispiel das Stadtviertel Neckarstadt-West, in Mannheim das „halbwegs gefährliche Rotlichtviertel“, sagt Sarah, „da haben viele Frauen Angst und gehen abends nur mit einer Freundin auf die Straße.“ Eine Girlgang klebt hier an einer ungemütlichen Bahnhofs-Unterführung, eine andere an der Jungbuschbrücke, wo Sarah selbst schon nachts angesprochen wurde: „Zwei Typen fuhren mit ihrem Auto neben mir her und machten die Autotür auf. Da hatte ich in dem Moment ein maues Gefühl.“ Solche Ängste zu bekämpfen, auch darum dreht sich das Projekt. Frauen erobern sich ihren öffentlichen Raum zurück.

Feministische Streetart ist gerade überall: Vor einem Monat wurde eine Schülerin aus Karlsruhe unter dem Hashtag #padsagainstsexism zum weltweiten Internetthema, weil sie Damenbinden mit feministischen Botschaften im öffentlichen Raum anbrachte. In den USA tourt derzeit das Projekt „Monument-Quilt“, bei dem Vergewaltigungserlebnisse in eine gemeinsame Patchwork-Decke eingenäht werden. Aber nicht nur auf der Straße tobt der Kampf gegen sexistische Werbung. Der Hamburger Verein „Pinkstinks“ zum Beispiel wurde bekannt für seine Proteste gegen den „Magerwahn“ bei „Germany’s next Topmodel“ und rosafarbene Mädchen-Überraschungseier. Im Moment sammelt er Unterschriften für eine Petition (#7aUWG), die diskriminierende Werbung in ganz Deutschland gesetzlich verbieten lassen will.