Feministische Bürgerwehr? Quatsch! 2


Interview mit Sarah von den Girl-Gangs. In Mannheim hat sich vor Kurzem eine Streetart-Gruppe gegründet, die gegen dumpfe Werbung und blöde Sprüche auf der Straße vorgeht, die „Girl Gangs against Street Harassment“. Wir sprachen mit Sarah, eine der GründerInnen.

Graffitiarchiv: Hi Sarah, du bist ja von Anfang an dabei, was sind die Girl-Gangs?

Quelle: Girl-Gangs

Kurz gesagt sind das lebensgroße Fotos von kampfbereiten Frauen, die wir im öffentlichen Raum verkleben. Die Girls entsprechen nicht dem üblichen “braven” Bild von Frauen: Sie sehen selbstsicher aus, stehen breitbeinig da und jede hat eine andere Waffe in der Hand.

Woher kam die Idee?

Die Idee stammt von einem Freund von mir, Tobias Fünke. Wir haben zusammen viele Exploitation-Filme aus den Siebzigern geguckt und dann ist er auf die Idee mit den Girl-Gangs gekommen. Acht Frauen und Mädchen aus Mannheim haben sich dann für das Projekt fotografieren lassen.

Fühlten sich Männer von den Fotos provoziert?

Klar fühlen sich einige davon provoziert. Im Internet fand sogar einer, das sähe aus wie eine „feministische Bürgerwehr.“ Aber das ist Quatsch, Ich sehe lieber die positive Botschaft an die Frauen*: Ihr seid nicht allein.

In London wurden vor Kurzem reihenweise Werbetafeln übermalt, auf denen ein verschwitztes Bikinimodel fragte, ob der eigene Körper schon „strandfertig“ sei. In Kreuzberg wird sexistische Werbung gerade verboten. Was hältst du davon?

Lisa: Das sollte in ganz Deutschland passieren und am besten international. In der Werbung sieht man nur eine surreal superschlanke Minderheit und der Rest der Gesellschaft fühlt sich als Auslaufmodell. Wir versuchen mit unserem Streetart-Projekt „Girl Gangs Against Street Harassment“ genau da zu intervenieren und andere Körperbilder als den üblichen Photoshop-Wahnsinn zu zeigen. Außerdem kämpfen wir gegen „street harassment“, also die alltägliche Belästigung vor allem von Frauen auf der Straße.

Und wie machen das die Girl-Gangs?

Indem sie Angst und Schrecken bei den Mackern verbreiten (lacht). Im Ernst, wir wollen mit den Girl-Gangs Frauen* Mut machen, indem wir Unsichtbares sichtbar machen: Zum Beispiel im Mannheimer Stadtteil Neckarstadt-West. Das ist so ein halbwegs gefährliches Rotlichtviertel und da hört man als Frau oft blöde Anmachsprüche oder so dieses „Zutzeln“, wenn Männer einem hinterherschmatzen. Solche Orte wollen mit den Girl-Gangs symbolisch übernehmen. An der Jungbuschbrücke, wo inzwischen auch eine Girl-Gang klebt, wurde ich auch schon nachts angemacht: Zwei Typen fuhren mit ihrem Auto neben mir her, machten blöde Sprüche und ließen die Beifahrertür offen. Sich von so was nicht einschüchtern lassen, kämpfen, auch darum dreht sich unser Projekt – sich den öffentlichen Raum auch als Frau wieder zurückzuholen. Deswegen kann auch jede* sich die Druckvorlagen auf unserer Website herunterladen und selbst bei einer Girl-Gang mitmachen.

Und wie reagiert die Streetart- und Graffiti-Szene?

Ganz positiv eigentlich, es gab ein paar Blog-Berichte. Aber hier in den USA, wo ich für meine Doktorarbeit forsche, gibt es eine andere Aufmerksamkeit für das Thema. Da gibt es jede Menge solcher Aktionen im öffentlichen Raum, zum Beispiel Cravtivism, also der Verbindung von Aktivismus und „Handarbeiten“, die früher zuhause gemacht wurden, wie Nähen oder Quilts. Ein gutes Beispiel ist der „Monument Quilt“, bei dem Frauen* in einem Patchwork-Teppich ihre persönlichen Erfahrungen mit Vergewaltigungen zusammentragen. Was viele Streetartists und Sprüher gern belächeln, dieses Großmutter-mäßige ist für viele Frauen und Mädchen eine wichtige Technik, um in den öffentlichen Raum einzugreifen..

Vielen Dank!

Zum Hintergrund: Feministische Streetart ist gerade überall: Vor einem Monat wurde eine Schülerin aus Karlsruhe unter dem Hashtag #padsagainstsexism zum weltweiten Internetthema, weil sie Damenbinden mit feministischen Botschaften im öffentlichen Raum anbrachte. Aber nicht nur auf der Straße tobt der Kampf gegen sexistische Werbung. Der Hamburger Verein „Pinkstinks“ zum Beispiel wurde bekannt für seine Proteste gegen den „Magerwahn“ bei „Germany’s next Topmodel“ und rosafarbene Mädchen-Überraschungseier. Im Moment sammelt er Unterschriften für eine Petition (#7aUWG), die diskriminierende Werbung in ganz Deutschland gesetzlich verbieten lassen will.