Jens Besser: Antwort auf die Kritik des Graffitiarchivs 3


Kritik angekommen? Am 19.3. haben wir auf dieser Seite eine Kritik an der Saudi-Arabien-Reise von Jens Besser veröffentlicht und seinen anschließenden Umgang mit den Medien (“Amnestie oder Artwashing?”). Jens’ Erwiderung auf unsere Vorwürfe veröffentlichen wir jetzt hier (ungekürzt und unbearbeitet):

Entrance to Utopia – über die Relevanz einer ungenehmigten Wandzeichnung in Dschidda/Saudi-Arabien im regionalen und globalen Kontext ungenehmigter Kunstwerke.

Jens Besser in Taiwan

Jens Besser in Taiwan

Saudi-Arabien wird in der westlichen Welt als autoritär geführtes System von den Medien bezeichnet. Um mir eine eigene Meinung über mir bisher fremde Länder zu verschaffen, bereise ich sie gern, sofern mir dies möglich ist. Ich war bereits ungefördert in zahlreichen Ländern Lateinamerikas (Fotos 1, Fotos 2) und Europas (z.B. Italien, Spanien, Slowakei) sowie gefördert in Taiwan (Fotos 1, Fotos 2) und Bulgarien (Fotos 1 , Fotos 2, Fotos 3).

JB in Argentinien

JB in Argentinien

So nahm ich auch das Angebot an, gefördert vom Goethe-Institut Kairo, als deutscher Repräsentant zum Janadriyah Festitval zu reisen. Es war geplant, Street-Art-Workshops durchzuführen und die Jeddah zu besuchen. Nach der Absage des Festivals, blieb mein Visum erhalten und ich reiste direkt nach Jeddah um dort vor Ort lokale Akteure im Feld Urban-Art zu treffen und Workshops durchzuführen.

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„ALINFI3I“

Am Tag nach meiner Ankunft sah ich neben zahlreichen Skulpturen auf Verkehrsinseln, vielen saudischen Flaggen, Al-Balad auch die ohne Genehmigung realisierten Arbeiten auf der Corniche von „zuhairart“ und „ALINFI3I“. Die Werke schienen viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, denn es bildeten sich Autoschlangen vor den Werken um sie oder sich und das Werk zu fotografieren.

Mich beeindruckte weniger der Inhalt der Werke, bildliche Darstellungen des kürzlich gestorbenen Königs, die trotz „Bilderverbots“ existierten. Es war vielmehr die schnelle Amnestie für ungenehmigt realisierte Werke im öffentlichen Raum. Ein in Deutschland bisher mir nicht bekannter Weg um Künstlern die im Feld der ungenehmigten Intervention Arbeiten nachträglich eine Legalisierung zu verschaffen, ohne Sie strafrechtlich zu Verfolgen .

Seit Jahren plagt mich die Frage wie ich eigene alte Werke (“Pixelpopulation”, “No Name No Fame”), welche mittlerweile zerstört wurden, publik machen kann, da Sie meines Erachtens als Teil der dresdner und europäischen Kunstgeschichte an Relevanz nicht verloren haben. Zudem sind auch heute noch viele Künstler im öffentlichen Raum Dresdens und der Welt aktiv und realisieren eine Vielzahl kunsthistorisch relevanter Werke, die umfangreich besprochen werden.

Während meines Aufenthalts in Jeddah traf ich auf Künstler und Kaffeebesitzer, Galeristen und Strassenkinder – kurzum einen bunten Querschnitt von Bewohnern Jeddahs. Sie alle waren sehr freundlich und ich wollte, wie ich es auch in anderen Städten der Welt tat, einige Werke hinterlassen. „Entrance to utopia“  und „King of trains“ sind meine Hauptwerke in Jeddah. Beide realisiert an Un-Orten. Vergessenen Orten und doch zugänglich für den uneingeschränkt forschenden Stadterkunder. Die Umsetzung von „Entrance to Utopia“ nutze ich, um medial auf den Fakt der Kriminaliserung von Graffiti weltweit aufmerksam zu machen. Die zuvor vollzogene Verurteilung Leipziger Sprayer half mir dabei genügend mediales Interesse in Deutschland zu generieren. Der MDR-Beitrag in „Fakt ist…“ übernahm gar meine Rethorik und sprach von der „Null-Toleranz“ der Deutschen Bahn gegenüber Sprühern.

Die Frage nach der Amnestie war daher nur logisch und gibt nun den Ball zurück an die Autoritäten.

Möglicherweise war dies meine letzte offiziell genehmigte Reise nach Saudi-Arabien und möglicherweise war dies auch das letzte Mal, dass ein Goethe Institut meine Künstlerreisen unterstützt. Das Werk „Entrance to Utopia“ war ungenehmigt und nicht abgesprochen. Doch an kunsthistorischen Wert hat das Werk bereits gewonnen. Durch die umfangreiche mediale Aufmerksamkeit – auf Facebook oder in den offziellen Medien (1, 2, 3, 4) und natürlich die kontrovers geführten Diskussionen um das Werk.

Daher warte ich nun auf eine Amnestie und bin gespannt ob sich etwas ergibt.

Bisher steht noch eine umfangreiche kunsthistorische Bewertung des Werkes „Entrance to Utopia“ aus.

Als bildender Künstler möchte ich keinen Auftrag an Kunsthistoriker aussprechen. Von staatlicher Seite gibt es bisher keine Stelle, die offiziell die ungenehmigte Kunst im öffentlichen Raum Deutschlands umfangreich bewertet. Im Gegensatz zu allen anderen Kunstsparten wird ungenehmigte Urban Art kunsthistorisch nicht von offizieller Seite bearbeitet, da sich nicht den Aspekt des legalen enstpricht.

Es obliegt daher den Kunstkritikern und Kunsthistorikern auch ohne Finanzausgleich zu bewerten. Ich stehe für Rückfragen natürlich kostenfrei zur Verfügung.


3 Gedanken zu “Jens Besser: Antwort auf die Kritik des Graffitiarchivs

  • Admin Beitragsautor

    Danke für die Antwort, Jens. Leider bist du auf unsere Hauptkritikpunkte nicht eingegangen.

    1. Ist es ok, Streetart auf einem Festival zu machen, das vom saudischen Militär organisiert wird?

    2. Du willst Amnestie vom saudischen König? Amnestiert werden können nur Leute, die wirklich verfolgt werden oder in Haft sitzen (z.B. Raif Badawi). Wie kommst du darauf, dich für die BILD-Zeitung auf die selbe Stufe zu stellen?

  • Admin Beitragsautor

    Okay, vielleicht haben wir uns hier zu sehr auf den Fall Jens Besser eingeschossen. Das Goethe-Institut ist sicher noch der beste Partner, den man für so eine Reise haben kann. Und die haben sich mit ähnlicher Kritik wie unserer auch auseinandergesetzt: http://www.deutschlandradiokultur.de/saudi-arabien-goethe-institut-will-kulturdialog-trotz.1008.de.html?dram:article_id=309100

    “Das Janadriyah-Festival ist der einzige Ort in Saudi-Arabien, wo sie mit Männern und Frauen im öffentlichen Raum in Kontakt treten können, die sich für das Ausland interessieren.” Man dürfe die Tür des kulturellen Dialogs nicht zuschlagen.

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