Magic Numbers


Wie sich die Berliner Polizei Graffiti schön rechnet –

Klang ja alles nach erfolgreicher Polizeiarbeit, was die Berliner Morgenpost da gestern über die Graffiti-Entwicklung in Berlin schrieb:

“Graffiti-Touristen erobern Berlin  … Im vergangenen Jahr wurden 344 tatverdächtige Sprayer von der Bundespolizei festgenommen, 29 von ihnen stammten aus dem Ausland.” Das LKA Berlin hatte demnach “eine Aufklärungsquote von 62,5 Prozent” bei  Graffiti-Straftaten.

Foto: Flickr - Stoo57, StooMathiesen

Foto: Flickr – Stoo57, StooMathiesen

Tatsächlich sieht die Entwicklung so aus:

Weniger Graffiti-Anzeigen +++ Weniger Beamte, weniger Ermittlungserfolge  +++ Keine “Präventionsarbeit” mehr

Die Zahlen wurden von der Morgenpost (wie so oft) ungeprüft übernommen. Wir versuchen (mal wieder) auf die gröbsten Fehler aufmerksam zu machen:

  • die Zahlen der Graffiti-Straftaten, die das LKA in Berlin bearbeitet, sind (bis auf das Ausnahmejahr 2013 insgesamt rückläufig  (wie aus der aktuellen Anfrage 1 vom Abgeordneten Trapp hervorgeht):
    2011: 2 384, 2012: 2258, 2013: 1332, 2014: 1593
  • obwohl die Bundespolizei nach eigenen Angaben 344 Tatverdächtige festgenommen hat, wird das LKA 264 (von Sprühern immer noch liebevoll “GIB” genannt) immer erfolgloser; anders als das der Morgenpost-Artikel suggeriert. Obwohl die Zahl der Graffiti-Anzeigen gestiegen ist, ging die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen beim LKA wie seit Jahren zurück:2009:1229, 2012: 966, 2013: 701, 2014: 596, die Zahl der direkten Festnahmen durch die “GIB” sank in den letzten zehn Jahren um schlappe 97 Prozent: 2004:215, 2015: 6
  • auch wenn die Senatsverwaltung gern anderes behauptet, sind auch die Zahlen der aktiven Mitarbeiter in der Graffiti-Bekämpfung (“Operativgruppe”) in Berlin seit Jahren rückläufig (2009: 9, 2014: 4) (genau wie die Zahl der Anzeigen, ist ja auch gut so)
  • neben diesen speziellen Fehlstellen im Artikel der Morgenpost noch ein paar generelle Anmerkungen: “bearbeitete Anzeigen” sind nicht gleich Gerichtsprozess, Gerichtsprozesse sind nicht Verurteilungen. Die Zahl der Verurteilten liegt in Berlin seit Jahren bei konstant etwa 110 (s.unten). Dies entspricht einer tatsächlichen “Aufklärungsquote” von etwa 7 Prozent insgesamt.

 

Festnahmen durch LKA 264 – Operative Gruppe

Jahr

Festnahmen durch LKA 264 – OG

2004

215

2005

191

2006

158

2007

114

2008

102

2009

29

2010

16

2013

2

2014

6

Quelle: Kleine Anfrage 2011 (Drucksache 16/15146), Anfrage 2014 (Drucksache 17/15981)

 

Polizei-Zahlen sind nicht alles

Für die wirklichen Graffitti-Zahlen-Nerds unter euch hat das Graffitiarchiv mal hier die Statistiken der Innensenatoren und der Gerichte zusammengestellt – EIN GUTER VERGLEICH ZU DER POLIZEILICHEN KRIMINALITÄTSSTATISTIK (deren Zahlen von Politikern und Journalisten oft unhinterfragt wiedergegeben werden). Wer dazu noch Ergänzungen machen kann, ist herzlich eingeladen.

Die Arbeit der Berliner Polizei beim Thema Graffiti ist ineffektiv:

  • Die Aufklärungsquote der Polizei bei Graffiti ist übertrieben: Von den Tatverdächtigen werden letztlich nur etwa 10 Prozent vor Gericht verurteilt. Bei den übrigen 90 Prozent kommt es zu keinem Verfahren, das Verfahren wird eingestellt oder es endet mit Freispruch. Wie viel Anzeigen letztendlich aufgeklärt werden, lässt sich nicht feststellen. Aufklärungsquoten von 10-20 Prozent in den Polizeidirektionen und 70-80 Prozent bei der Gemeinsame Ermittlungsgruppe „Graffiti in Berlin“ (GE GIB, auch LKA 264) sind sehr unwahrscheinlich.
  • Die Zahl der Verurteilten wegen Graffiti ist seit Jahren konstant (etwa 110 pro Jahr). Der Rückgang der Graffiti-Anzeigen seit 2006 hat daran nichts geändert und auch nicht die „Auszeiten“ der Sonderermittlungsgruppe „Graffiti in Berlin“, die über längere Zeit gegen Auto-Brandstiftungen eingesetzt wurde.

 

Verurteilungen wegen Graffiti in Berlin 2009 – 2011

2009

2010

2011

Verurteilungen insgesamt (StGB §303, Absatz 2)

111

109

109

männlich

107

108

107

weiblich

4

1

2

Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg

 

Die Gemeinsame Ermittlungsgruppe „Graffiti in Berlin“ (GE GIB, offiziell “LKA 264”) arbeitet nicht mehr präventiv:

  • Während Innensenator Schönbohm 1996 noch „Präventionsmaßnahmen“ und „ zahlreiche Kontakte zu Jugendeinrichtungen und Schulen“ als festen Bestandteil der Arbeit der GE GIB nannte, fallen in einer Stellungnahme des Innensenators Körting 2011 nur noch die Begriffe „Auswertung-Operativgruppe-Sachbearbeitung“ und „enge Zusammenarbeit mit der Bundespolizei“.

Es gibt keine gesicherten offiziellen Zahlen zu den Schäden in der Stadt, die von Graffiti verursacht werden:

  • In der Stellungnahme von Innensenator Körting 2011 steht: „Sachbeschädigung (§§ 303-305a Strafgesetzbuch) stellt in der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik kein sogenanntes ,Schadensdelikt`dar, In der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik werden nur Schäden erfasst, bei denen Schadensangaben zu Wert- bzw. Vermögensschäden vorhanden sind.“

 

Wer mehr wissen will:

http://www.graffitiarchiv.org/sonderkommission-bald-im-vorruhestand/

http://www.graffitiarchiv.org/ueber-graffiti/pressematerial/vandalismus-report-bvg-bz-verkauft-leser-fur-dumm/

http://www.graffitiarchiv.org/ueber-graffiti/pressematerial/berliner-graffiti-atlas-2011/