Wie findet eigentlich Jägermeister seine Wände? 2


Aktuell gibt es unter dem Hashtag #wallsofwir eine Graffiti-Werbekampagne in vier großen Städten. Bezahlt wird das Ganze von einem großen deutschen Schnapps-Hersteller. Ziel sei es „den Gemeinschaftssinn innerhalb der Graffitikultur zu feiern und fördern“. Das Graffitiarchiv kann gar nicht so viel Jägermeister trinken, wie es kotzen möchte und veröffentlicht deshalb hier noch einmal seine Kritik an solchen Graffiti-Werbeaktionen, die zuerst unter dem Titel “Wie findet eigentlich Nike seine Wände?” im Edelstein-Heft erschienen ist.

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Graffiti als Werbung. Das sieht man inzwischen an vielen Stellen in Berlin: Die Graffitiagenturen nutzen dafür eine Lücke im Gesetz. Und verstoßen gegen reihenweise Werberegeln.

Fler übermalt Kollegah. So läuft das eben. Hashtag: #berlinbleibtberlin. Was dachte der denn? Kann doch nicht jeder Offenbacher Rapper so ne Riesenwand in der Hauptstadt klarmachen. Da musste Fler einfach was tun. Also holte er Ende 2015 “seine Graffitikünstler” und übermalte die komplette Fassade von Kollegah, einfach so, bäng! Kollegahs Manager drehte völlig durch und twitterte: “Sag mir wo, ich komm allein.”

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Rap lebt vom Glaubwürdigkeitsversprechen. Graffiti auch. Nur werden besonders die großen Wände (“Murals”) in letzter Zeit immer häufiger für Werbung genutzt, als Graffiti getarnte Werbung. Manchmal inszenieren Werbeagenturen sogar Graffitibattles: Flers krasse Graffitikünstler, zum Beispiel, arbeiten bei einer Auftrags-Graffitiagentur namens “XI-Designs” und so wie sie Flers Auftrag umgesetzt haben, taten sie dasselbe vorher für Kollegah. Ist ja ihr Job. Auftragsgraffiti halt. Blöd ist nur, wenn sie es damit Unternehmen ermöglichen, riesige Werbeflächen in der Stadt zu bekommen, wo vorher keine waren, und dabei auch noch Geld zu sparen.

Alles begann zur WM 2010

Die Entwicklung, dass Graffitiwände gezielt für Werbung eingesetzt werden, hat 2010 angefangen: Damals wurden zur Fussball-WM extra Sprüher aus Brasilien eingeflogen, die dann an verschiedenen Stellen in Berlin ihre Fussball-Fassaden sprühen durften. Für die nächste WM 2014 sollte “Graco”, eine Berliner “Agentur für urbane Lebensraumgestaltung” sich was Krasseres einfallen lassen. Graco ist ein Zusammenschluss von vielen guten Sprühern, die bislang meistens darauf achteten, mit ihrer Arbeit nicht allzu sehr die Graffitiszene vor den Kopf zu stoßen.

Graco bot also Nike an, acht grosse Fassaden in der Stadt zu malen. Acht Premium-Stellen in der Stadt, die man für eine normale Werbekampagne sicher nicht so leicht bekommen hätte. Um die Hausbesitzer und die zuständigen Behörden endgültig zu überzeugen, boten sie an, das Ganze nach der WM wieder sachgerecht zu übermalen. Deutschland wurde Weltmeister und alle waren glücklich.

“Als Kunst getarnte Werbung”

Nicht so glücklich war allerdings Stephanè Bauer. Er leitet den Kunstraum Bethanien (wo auch die Backjumps stattfindet) und ausserdem arbeitet er als Experte für die Stadt Berlin, wenn es um Kunst im öffentlichen Raum geht: “Graco hat das Bezirksamt und die Hausbesitzer getäuscht”, sagte Bauer beim Gesprächsabend “Vandal Café” zum Thema im März 2015 (hier ein Zusammenschnitt der Veranstaltung). Auf den eingereichten Skizzen seien weder das Nike-Logo noch das Motto der Kampagne zu sehen gewesen. “Das Ganze war als Kunst getarnte Werbung.”

So seien die strengen Regeln umgangen worden, die eigentlich für Plakatwerbung im öffentlichen Raum gelten. Da braucht man nämlich eigentlich eine Genehmigung fürs Gerüst, eine fürs Plakatmotiv und nach zwei Monaten muss alles spätestens wieder runter.

Graco-Mitglied Stefan Kuschkow hält dagegen: “Das Ganze war von Anfang an als temporäre Aktion geplant und wir können nichts dafür, wenn die Behörden nicht untereinander kommunizieren.” Trotzdem war es sicher leichter, Beamte und Hausbesitzer von einer temporären Kunstaktion zu überzeugen, als von acht neuen Riesenwerbeflächen in bester Lage für einen grossen Schukonzern.

Billiger als Plakatwerbung

Werbe-Murals haben noch einen weiteren wichtigen Vorteil: Sie sind billiger. Nochmal Stephanè Bauer vom Kunstraum Bethanien: “Nike bekommt da eine Wand zu sehr günstigen Bedingungen. Billiger als Werbung sonst wäre.” Bei einer Werbekampagne mit einem klassischen Plakat über die ganze Hauswand zahlt man für die Herstellung vom Plakat. Dazu noch die Kosten vom Baugerüst. Und die Hausbesitzer verlangen meistens eine ordentliche Miete. Da kommen schon mal schnell ein paar Zehntausend Euro zusammen.

So bekommt Nike also Wände, die neu und vielleicht sogar billiger sind. Bald brauchte es aber auch noch Wände, die hip sind. Da kam eine zweite Graffitiagentur ins Spiel, XI-Designs, die in diesem wachsenden Markt noch aktiver sind. Sie machen Murals für Musikkonzerne. Sido, Rammstein, solche Sachen, oder eben Kollegah und Fler.

Das neue Ding: “Hashtag-Murals”

XI-Designs hat das perfektioniert, was man “Hashtag-Mural” nennen kann. Sie brauchen bei ihren Bildern gar nicht mehr den Auftraggeber zu nennen. Ein Hashtag und alle wissen Bescheid (#berlinbleibtberlin). Meistens ist das Wandbild der Startschuss für eine virale Werbekampagne, die danach im Netz losgeht. Für die Verbreitung sorgen dann die Follower und Selfieknipser vor den Wänden. So ist es noch einfacher geworden, Werbung als Kunst/Graffiti zu verkaufen, Aktionskunst sozusagen. Wichtiger als die Wand ist das Foto davon und seine Verbreitung im Netz. Keiner fragt, ob dabei alle Werberegeln eingehalten werden. Meistens werden die Graffiti-Murals schon nach wenigen Wochen wieder übermalt. Aber manchmal haben die Auftraggeber auch Glück.

So ein Beispiel ist das von Mario Götze. Als der nämlich 2014 die Deutschen zu ihrem ersehnten WM-Titel schoss, entschied man sich bei Graco, das Mural von Götze nicht wie geplant nach der WM wieder zu übermalen. “Weil der ja für manche inzwischen sowas wie ein Halbgott ist”, sagt Stefan Kuschkow von Graco. Jetzt steht das Mural schon das dritte Jahr mitten in einem Wohngebiet, wo so eine Werbung nie erlaubt worden wäre. Drüber steht: “Vielleicht hat noch nie ein Spiel gewonnen.” Und drunter lächelt Super-Mario.

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Graffitibild als Werbekampagne von Jägermeister
.PS:

Ob Graffiti auch dazu dienen kann, Jugendschutz-Regeln zu umgehen, kann man angesichts der aktuellen Kampagne überlegen (#wallsofwir – DEE DEE KID, GOGO PLATA, DEJOE & DIXONS für JÄGERMEISTER). Demnach darf sich Alkohol-Werbung eigentlich nicht speziell an Jugendliche richten oder in Medien für Jugendliche transportiert werden. Die Graffitiszene besteht aber zu einem großen Teil aus Jugendlichen, die sich von dem Bezug auf den “Gemeinschaftssinn in der Graffitikultur“ sicher angesprochen fühlen dürften. Wer sich beschweren will, >>hier lang.

PPS: Bei ericwinkler.de gibt es eine “Kurzanleitung zur Beseitigung von als Kunst getarnter Werbung im öffentlichen Raum”.

Carsten / Graffitiarchiv

Update: FluxFM hat eine kleine Sendung zum Thema mit uns gemacht:

https://player.vimeo.com/video/177796638?byline=0

2 Gedanken zu “Wie findet eigentlich Jägermeister seine Wände?

  • Käfer

    “Sie sind billiger. … Bei einer Werbekampagne mit einem klassischen Plakat über die ganze Hauswand zahlt man für die Herstellung vom Plakat. Dazu noch die Kosten vom Baugerüst. Und die Hausbesitzer verlangen meistens eine ordentliche Miete. Da kommen schon mal schnell ein paar Zehntausend Euro zusammen.”

    Mir gefällt nicht, wie hier von einer auf alle Aktionen verallgemeinert wird. Vielleicht hat Nike die Wand sehr billig bekommen, heißt aber noch lange nicht, dass alle Unternehmen das tun. Denn die “ordentliche Miete” bezieht sich auch auf Murals nicht nur klassische Plakate. Ihr denkt ja wohl kaum, dass der Hausbesitzer sich das nicht ordentlich bezahlen lässt? Und was soll denn der Humbug mit bei einer klassischen Sache “kommen die Kosten vom Baugerüst dazu”, ja und, bei Murals doch auch??! Oder fliegen die Künstler etwa mit Düsenjetpacks da hoch? DIe Kosten für den Plakatdruck fallen zwar weg, dafür müssen aber die Künstler+Material bezahlt werden.

    Es so darzustellen, als würden die super günstige Werbung machen, finde ich hetzerisch. Klar, dass mit der Zugänglichkeit zur Jugend ist eine andere Sache, die eher fragwürdig ist… aber im Allgemeinen habe ich persönlich lieber schöne bunte Wände in der Stadt, als alles grau in grau. Selbst wenn da irgendwo ein Logo mit drauf ist, mir wurscht.

    • Admin Beitragsautor

      Jetpacks, yeah, gute Idee! Im Gegensatz zu klassischer Plakatwerbung muss bei einer Bemalung das Baugerüst aber nur für zwei, drei Tage aufgebaut werden (zum Auf- und Abbau). Und tatsächlich denken viele Vermieter bei einer “künstlerischen Bemalung” nicht daran, Miete zu nehmen (das betrifft übrigens auch immer mehr Wohnungsbaugesellschaften). Kennst du Projekte, bei denen es teurer war als mit einem Plakat? Das wäre interessant.

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