Unser Rückblick: Streetart und die Krise


WDDie Krise hat der Streetart nicht geschadet. Sonst lässt sich ja wenig Gutes sagen über die Eurokrise in Griechenland (Arbeitslosigkeit, Zusammenbruch des Gesundheitssystems, Wohnungslosigkeit, etc.) – aber der Kunst auf der Straße hat sie wohl nicht geschadet.

Dass ist einer der spannenden Punkte, die am Dienstag (24.03.2015) in der Ausstellung “ATHENS – BERLIN – CAENS – a transeuropean dialogue on the crisis” diskutiert wurden. Organisiert hat das Ganze Julia Tulke, die vor zwei Jahren viel Aufmerksamkeit in den Medien bekam mit ihrer Theorie zur „Ästhetik der Krise“ in Griechenland.

Viele Zuhörer sind gekommen in den „Raum für drastische Maßnahmen“ in Berlin-Friedrichshain, um Neuigkeiten von Athens Straßen zu erfahren. Auf dem Podium waren: Dr. Panos Leventis (Architektur-Professor / USA/Griechenland), Oré (Streetartist und Gründer des ABC-Projekts / Frankreich) und das Graffitiarchiv (Berlin).

Wir hatten viele Fragen: Wie steht es um die Streetart in Athen? Drückt sie aus, was die Leute denken? Oder steht sie für einen Widerstand, der eigentlich schon gebrochen ist?

Am Anfang gab uns Panos einen kurzen Überblick über Athens Streetart in den letzten Jahren. Anders als in den meisten Städten scheint hier staatlich-gefördertes Graffiti rund um Olympia 2004 den Startschuss für die Streetart-Bewegung gegeben zu haben (>>ausführlicher Artikel von Panos zu dem Thema).

Seit dem Beginn der Eurokrise 2010 haben sich die Bedingungen für Streetart und Graffiti noch einmal dramatisch verändert: Der wirtschaftliche Niedergang führte zu mehr leerstehenden Gebäuden, deren Fassaden kaum noch geputzt wurden, viele junge Leute waren plötzlich arbeitslos und Streetart wurde zur Stimme der Proteste gegen die Troika.

So wurde Athen zum Mekka für GraffitisprüherInnen und Streetart-MacherInnen aus der ganzen Welt. Die Innenstadt ist heutzutage mit Graffiti-Tags übersät, Werbetafeln sind zu Streetart-Flächen geworden, Züge fahren komplett bemalt durch Griechenlands Hauptstadt. Allerdings gibt es den Protest kaum noch, für den diese Künste stehen könnten.

Seit zwei Jahren geht die Polizei systematisch gegen Straßenproteste und besetzte Häuser vor. Die Protestszene hat sie damit weitgehend zerschlagen. Für die Einen ist Streetart da nur noch eine bunte Erinnerung an früher. Für die Anderen drückt sie zumindest die Hoffnung aus, es könnte wieder was passieren. Auf jeden Fall hat sie die große Zeit der Proteste zwischen 2010 und 2012 unübersehbar ins Stadtbild eingeschrieben.

Wenn man Berlin und Athen vergleicht, fällt auf, wie unterschiedlich die Assoziationen sind, die man mit Streetart verknüpft (je nach den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen). In Athen steht sie für dieÄsthetik der Krise“, in Berlin ist sie zum Symbol des Booms geworden (sodass man ihr sogar zutraut, Vorbotin der Gentrifizierung zu sein). Und in beiden Städten gibt es inzwischen einen regelrechten Streetart-Tourismus, der sich an den „bunten Wänden“ erfreut, meistens ohne den Hintergrund zu verstehen.

Hier liegt, bei allen Unterschieden zwischen diesen beiden Städten, eine interessante Gemeinsamkeit. Um den Vereinnahmungsversuchen von Tourismus und Stadtmarketing zu entgehen, werden wieder verstärkt Parolen gemalt – ein Bezug auf die Siebziger Jahre, das Hausbesetzergraffiti und die Zeiten vor dem Streetart-Hype. In Athen sind es „λάθος“ (Falsch) oder „Iam being tortured“ und in Berlin „Besser Lebn“ oder „Krieg“.

Am Ende kam die Diskussionsrunde noch zu zwei interessanten Fragen: Ist nicht vielleicht Graffiti die bessere Ästhektik zur Krise? Die meisten halten ja das klassische Graffiti-Writing eher für unpolitisch (und die Sprüher sehen das ja auch so). Aber während Streetart die Wände von leerstehnenden Häusern verschönert und ihnen mit Bildern einen neuen „Sinn“ gibt, bleibt Graffiti im Widerspruch hängen, unverständlich zu sein. Je nach politischem Kontext könnte das vielleicht die schlauere Ausdrucksform sein.

Die letzte Frage drehte sich eher um Genderpolitik: Wie ist eigentlich das Frauenbild in der Protest-Streetart? Hier lassen sich erstaunliche Parallelen zwischen der Berichterstattung über Griechenland in den Mainstream-Medien und der “alternativen” Kommunikation über die Streetart feststellen: Frauen erscheinen entweder in attraktiven Posen oder als die weiche Seite des harten Protestlebens. Zur Überprüfung dieser These kann man sich mal die Bilder von Julia Tulke unten anschauen.

Eine schöne Diskussionsrunde. Am Sonnabend den 28.03.  um 19 Uhr startet die Abschlussparty im >>Raum für drastische Maßnahmen.

 


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